Urbane (De)Konstruktion (2016)

Ein Stadtareal befindet sich im Umbruch. Die Bruchstellen zeugen von dessen reichhaltiger Vergangenheit und weisen gleichzeitig auf das neu Entstehende hin. Es finden sich Abrissgebäude, die noch Spuren dessen aufweisen, wofür sie einmal standen. Es finden sich Neubauten, die den Blick in die Zukunft weisen, auf das, wofür sie einmal stehen werden. Dort, wo einst rege Produktion im Werksviertel stattfand und sich später bunte (Sub-)Kulturen aus Alternativ-, Rocker-, Nightlife und KünstlerInnenszene den Raum aneigneten, wirken die entstehenden schicken Büros, Wohnungen und der neue Konzertsaal als Symbol für die Hochkultur geradezu provokativ. Gentrifizierung mag hier das zeitgemäße Schlagwort sein, das einem zunächst in den Sinn kommt.

Doch um die bloße Bewertung sozioökonomischer und sozio-kultureller Phänomene geht es der Fotografin Erika Pircher nicht. Vielmehr begibt sie sich in das Spannungsfeld zwischen gestern und heute, alt und neu, Abbruch und Aufbruch hinein und findet dort fotografische Räume, die vielschichtiger kaum sein könnten. Von Baggern zu Fall gebrachte Gebäude, monumentale Schutthaufen, Ruinen von Fabrikhallen, leuchtende Graffiti, auch skurrile und überraschende Motive stehen dem bereits vorhandenem Glatten von morgen, das in einem Spiel mit reinen Formen und schräg komponierten geometrischen Baukörpern zum Ausdruck kommt, gegenüber.

Im Heideggerschen Sinn wird das Gegenständliche von Gegenständen erst dann auffällig, wenn der Umgang mit den Gegenständen gestört ist. In der Entstehungsphase dieses Foto-Essays sind die Verweisungszusammenhänge der dinglichen Objekte zumindest irritiert, wodurch der Blick auf das Vorhandene möglich wird. Dieses macht sich bei Erika Pirchers Arbeiten jedoch nicht an den bloßen Abbildern von Gegenständlichem fest, sondern gerade an dem, was sich zwischen einzelnen Gegenständen befindet. So arbeitet sie in der fotografischen Umsetzung mit Einblicken, Durchblicken, Ausblicken, Spiegelungen und Verdichtung. Gewiss sind es einerseits die zeitlichen Räume zwischen der Fabrikwelt in den frühen Jahren des Geländes, der Party- und Freizeitwelt, der Alternativ- und Subkulturwelt in der Phase der Zwischennutzung und der neu entstehenden Lebens- und Arbeitswelt, die eingefangen werden. Doch vor allem entstehen durch Erika Pirchers Bildsprache der Verdichtung imaginäre Räume, die mit Vergänglichkeit, Brüchigkeit, Wehmut, aber auch mit Wandel, Aufbruch und Entwicklung assoziiert sind. Die (De-)Konstruktion des Urbanen wird hier zu einem Symbol des Wandels von Räumen des äußeren Lebens wie auch des inneren Erlebens.

Gabriele Hofmann

Werksviertel München

Die Fotoarbeit beschäftigt sich mit dem Transformationsprozess des Werksviertels in München. Bis weit in die 2020er Jahre hinein soll auf dem rund 40 Hektar großen Areal hinter dem Münchner Ostbahnhof ein neues urbanes Stadtviertel entstehen.

Beim heutigen Werksviertel handelt es sich um ein ehemaliges Gewerbe- und Industrieareal. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich hier neben verschiedenen kleineren Unternehmen auch große Firmen an, wie u.a. Pfanni, die Motorenwerke Zündapp, Konen, Optimol, Rohde+Schwarz, die Spedition Rhenania oder die Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG). Ab den 70er Jahren gaben viele Betriebe ihren Standort auf, 1996 hat schlussendlich der Lebensmittelhersteller Pfanni, der den größten Teil des Areals besetzte, seine Produktion von Kartoffelfertiggerichten an einen günstigeren Standort in Norddeutschland verlagert. In den postindustriellen Folgejahren zogen in die leer stehenden Gebäude und Hallen ab 1996 in Zwischennutzung unter dem Titel Kunstpark Ost dann Anbieter von Freizeit-, Party- und Veranstaltungsinitiativen ein, genauso aber auch KünstlerInnen mit ihren Ateliers und Kleinunternehmen. Ab 2003 prägten dann die Kultfabrik und Optimol als dessen Nachfolgerinnen das Areal mit Clubs, Bars, Konzerthallen, Ausstellungsflächen, Werkstätten sowie gewerblichen Angeboten. Als Symbol für das Gelände stand die kulturelle Vielfalt, von der heute noch der weiße Schriftzug auf türkisem Grund an einem der erhaltenen Werksgebäude zeugt. Darüber hinaus haben Graffiti-KünstlerInnen aus ganz Europa im Laufe der Jahrzehnte an den Freiflächen der Gebäude ihre Spuren hinterlassen.

Mit Ende 2015 haben Abrissarbeiten für die Errichtung des neuen Quartiers begonnen. Die Kultfabrik hat ihre Aktivitäten mit Ende 2015 eingestellt. Die letzten Einrichtungen, die von Optimol weiter betrieben werden, schließen demnächst. Allerdings soll nicht alles noch Bestehende abgerissen werden. Spuren der industriellen Geschichte des Geländes, die wesentlich von Pfanni im Laufe von Jahrzehnten mitgeprägt wurde, etwa die Verladerampen und Gleise oder das ehemalige Kartoffelsilo, aus dem ein Hotel werden soll, die Werke 1 und 3, die Tonhalle oder die Pfanni-Kantine, die zuletzt als Restaurant und Eventlocation betrieben wurde, sollen zumindest teilweise erhalten bleiben bzw. umgebaut oder ergänzt werden. Vorbild für diesen gestalterischen Ansatz bildet der New Yorker Meatpacking District, das ehemalige Schlachtviertel, das gerade wegen der erfolgreichen Integration des Alten ins Neue, zu einem Szene-Hotspot geworden ist. Werk 3, die frühere Pfanni-Produktionsstätte, dessen Umbau bereits 2014 begonnen hatte, ist aber bereits fertiggestellt und von Büros, Ateliers, Geschäften wie auch Lokalen besiedelt. Auf der Dachlandschaft grasen jetzt schon Kunstschafe, bald aber sollen dort wirkliche Schafe weiden.

Die im Sommer 2016 entstandene Fotoarbeit zeigt eine Momentaufnahme dieses Transformationsprozesses.

Erika Pircher